Auto-Einbruch und ein Grillfest

Seit langem mal wieder ein Beitrag! Es hat sich einfach wenig getan im ersten Quartal 2008, der Alltag ist eingekehrt. Zum Winter nur soviel: Trotz der milderen Temperaturen habe ich im Winter noch nie so gefroren wie hier in Kalifornien. Wenn es in Deutschland schneit und stürmt, dann dreht man einfach die Heizung auf und schaut gemütlich, warm und trocken aus dem doppelt verglasten Isolierfenster dem Winter beim Kaltsein zu. Aber hier in Kalifornien sind die Sperrholzwände kaum isoliert, die Spalte unter den Türen sind so breit, dass man einen Finger durchstecken kann, und die Heizung besteht aus der Klimaanlage, die man auf “warm” stellt. Leider ist diese so laut, dass ich nicht schlafen kann, sobald sie anspringt. Also halfen nur doppelte Decken und ein extra warmer Schlafanzug. Dazu kommt noch, dass die Wohnungstür direkt ins Wohnzimmer führt, einen Flur gibt es nicht. Aber genug gejammert, dafür konnte ich schon am 18. Januar die Cabrio-Saison einläuten, denn tagsüber, wenn die Sonne schien, war es schon angenehm warm.
Türspalt

Spalt unter meiner Wohnungstür

Am letzten Wochenende war es zeitweise gar schon 30 Grad! Ein Kollege aus London, ein Netzwerkadministrator war hier, und natürlich habe ich mit ihm etwas unternommen. Mit einem weiteren Netzwerkadministrator aus dem Büro hier waren wir Billardspielen in Mountain View, an der inoffiziellen Hauptschlagader des Silicon Valley, der Straße “El Camino Real”. Als waschechter Brite handelte es sich natürlich um einen Raucher, der also regelmäßig die Billardhalle verließ um draußen zu rauchen. So auch gegen 9 Uhr, nur diesmal kam er sofort wieder rein, kreidebleich und aufgeregt: “Du, das Auto neben deinem wurde gerade aufgebrochen!!” Er hatte die Tat tatsächlich live miterlebt: Ein Fluchtwagen, ein uralter Datsun oder sowas, wartete, während ein zweiter Mann mit der mit einem Tuch umwickelten Hand das Beifahrerfenster einschlug und eine Handtasche stahl. “Willst Du Dein Auto nicht wegfahren?” - “Nee, ich meine, sie werden ja nicht gleich wiederkommen, oder?” Nach einer halben Stunde kam auch schon ein Cop und hat gelangweilt den Vorfall aufgenommen. Einer der Mitarbeiter der Billardhalle patrouillierte daraufhin viertelstündlich den Parkplatz.

Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Londoner nach Santa Cruz, und am Abend waren wir beim anderen Kollegen zum Grillen eingeladen. Er hat ein Haus in den Bergen von Santa Cruz (wir würden wohl eher “Hügel” dazu sagen), zu dem man nur über eine schmale Straße gelangt, die nur breit genug für ein Auto ist. Auf der Terrasse saßen bereits seine Nachbarn, echte amerikanische Naturburschen. Einer davon hat 18 Jahre auf Hawaii gelebt und irgendwie auf Fischerbooten gearbeitet, ist Mitglied oder zumindest Freund von einer örtlichen Motorradgang, und hat ca. 30 Waffen im Haus. Der andere hat keine Waffen, dafür aber einen Jagdschein für Pfeil und Bogen. Als wir so gemütlich bei Bier und Tequila saßen, kamen plötzlich zwei Rehe aus dem Wald und grasten seelenruhig zehn Meter von uns entfernt. Das erinnerte den einen Nachbarn daran, wie er mit seinem Bogen einmal einen Hirsch in seinem Garten erlegte, und wie Nachbar Nummer 2 ihm beim Ausnehmen und Transport geholfen hatte, sich dabei aber unentwegt übergeben musste… Mein Kollege aus London und ich waren uns einig: Sowas gibt’s nur in Amerika.

Im Steuerlabyrinth

Die Deutschen behaupten ja immer mit verquerem Stolz, das komplizierteste Steuerrecht der Welt zu haben. Umso erstaunter war ich, als hier in den USA jemand das gleiche über sein Land behauptete. Da ich heute in der Firma meine Jahresabrechnung erhielt, machte ich mich daran, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Der erste Punkt ging gleich an die USA: Wenn man das zweifelhafte Glück hat, in einem Staat wie Kalifornien zu wohnen, der eine eigene Einkommensteuer erhebt, muss man schon mal zwei Steuererklärungen abgeben, nämlich eine für “federal taxes”, also bundesweite Steuern, und eine für die “state taxes”. Die kalifornische Einkommensteuer ist in sechs Steuersätze aufgeteilt, wobei der Spitzensteuersatz von 9,3% ab einem Jahresgehalt von $40346 fällig ist. Die Formulare sehen komplizierter aus als die von den Kollegen von Bund, aber zum Glück gibt es eine sehr gute Möglichkeit, das online auszufüllen. Auf ca. sechs einfachen Seiten überträgt man die Daten von seiner Lohnsteuerkarte und setzt diverse Häkchen z.B. bei “Am 31.12.2007 war ich offiziell blind” oder “Ich möchte meine Steuererstattung der Kalifornischen Meerotter-Stiftung spenden”. Am Schluss druckt man vier Seiten aus, die man unterschreibt und zu seinen Akten legt, und zwei Wochen später wird eine etwaige Rückerstattung auf ein angebenes Konto überwiesen (oder eben den Meerottern oder der Feuerwehr gespendet). Da von mir Steuern einbehalten wurden, als hätte ich das ganze Jahr gearbeitet, ich tatsächlich aber nur viereinhalb Monate hier war, wird mir der kalifornische Schatzmeister demnächst hoffentlich fast $1600 auf mein Sparbuch einzahlen.
Einwohner von Kalifornien im steuerlichen Sinn und somit hier steuerpflichtig wird man ziemlich leicht, nämlich indem man

  • nicht nur temporär oder auf der Durchreise hier ist
  • oder hier seinen Wohnsitz hat und nur temporär woanders ist.

“Wohnsitz” ist dabei definiert als der Ort, an den man beabsichtigt zurückzukehren, wenn man abwesend ist. Genial! Dies wird im erläuternden Begleitheft als große Vereinfachung angepriesen, so einfach, dass das Konzept in sieben Beispielen verdeutlicht wird.

Ob man als Einwohner, also “resident” gilt, ist für die bundesweite Steuer immens wichtig. So können Nicht-Einwohner z.B. keine Beiträge zur Altersvorsorge (bzw. nur wenn sie sehr wenig verdienen), keinen Pauschbetrag und keine Ehefrau absetzen. Andererseits müssen sie dafür aber aber auch z.B. keine Zinserträge oder ausländische Einkünfte versteuern. Ob man als Nicht-US-Bürger als Einwohner gilt, ist wiederum anders definiert als von den kalifornischen Behörden: Man muss entweder eine Green Card besitzen, oder 183 Tage im Kalenderjahr in den USA gewesen sein, wobei ein Drittel dieser Tage vom Vorjahr und ein Sechstel vom Jahr davor hinzugerechnet werden. Der steuerliche Unterschied ist deutlich: Als Nicht-Einwohner würde ich knapp $3200 erstattet bekommen, als Einwohner $3700, nämlich wegen des höheren Pauschbetrags und weil ich schon einiges in die Altersvorsorge (”401(k)”) eingezahlt habe, um den vollen Arbeitgeberzuschuss mitzunehmen.

Also: Wie kann ich trotzdem als Einwohner gelten, obwohl ich im Jahr 2007 nur 135 Tage in den USA war? Dazu gibt es tatsächlich einen kleinen Winkelzug: Wenn man im Folgejahr den Präsenztest besteht (diese 183 Tage), kann man rückwirkend für einen Teil des Jahres als Einwohner betrachtet werden. Man darf aber erst dann die Steuererklärung einreichen, wenn man diesen Status erlangt hat. Man gilt dann ab dem Beginn des ersten, mindestens 31 Tage langen Aufenthalts in den USA als “resident”. Kleiner Nachteil: Man muss alle Einkünfte aus dem Ausland in den USA versteuern, die man ab diesem Zeitpunkt erhielt, auch wenn sie vorher verdient wurden. Da ich aber eine relativ saubere Trennung hatte und nach meinem Umzug keine Zahlungen aus Deutschland mehr erhielt, betrifft mich das nicht.

Um also $500 mehr vom IRS zu kassieren, muss ich eine Fristverlängerung beantragen und ab dem 138. Tag des Jahres 2008 meine Steuererklärung einreichen. Also alles ganz einfach eigentlich…

 Nachtrag: Nachdem ich mir alles noch einmal ganz genau durchgelesen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mir die Aktion mit der Verlängerung sparen kann. Die $500 Unterschied kommen allein durch den Pauschbetrag (”standard deduction”) zustande, den man auch als “dual status resident” nicht beanspruchen darf. Die Beiträge zur Altersvorsorge sind bereits auf der Lohnsteuerkarte abgezogen. Wenn ich allerdings verheiratet wäre, würde sich dieser Trick durchaus lohnen.

Silvester: Erster Kontakt mit der Polizei

“Wieder zurück auf die Autobahn?”
“Nee, fahr mal geradeaus.”
Marius und ich waren auf dem Weg zur Silvesterparty in einem Irish Pub im Richmond District von San Francisco und hatten uns etwas verfahren. Ich stand bereits auf der Spur zur Autobahnauffahrt, aber da die Spur links neben mir frei war, zog ich einfach rüber, nachdem die Ampel auf grün schaltete. 50 Meter später tanzten plötzlich bunte Lichter in meinem Rückspiegel, und wir hörten das vertraute Geräusch einer kurz aufheulenden Polizeisirene. Kein Zweifel, das galt uns, wir wurden angehalten, oder “rübergezogen”, wie die Amis das wörtlich übersetzt nennen. Das erste Problem in so einer Situation: Einen sicheren Ort zum Anhalten zu finden, ohne den Eindruck zu erwecken, man möchte abhauen. Wir fuhren langsam in eine Seitenstraße. Nur um auf Nummer sicher zu gehen, heulte die Polizeisirene noch einmal auf, und endlich fanden wir eine geeignete Stelle.
Ein freundliches, junges Polizistengesicht schaute durchs offene Seitenfenster. Wir seien geradeaus gefahren, wo wir eigentlich auf die Autobahn hätten fahren müssen. “Richtig. Wir haben uns verfahren.” Ich reichte Führerschein, Zulassung und Versicherungsnachweis aus dem Fenster. Wieviel ich getrunken hätte? Ich dachte mir, “Ehrlich währt am längsten”, und antwortete wahrheitsgemäß: “Ein Bier”. Sicher, nur eins? Was für ein Bier das denn gewesen sei? “Heineken”, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen, und eine Sekunde später fiel mir ein, dass es eigentlich ein Beck’s gewesen war, ich kann die nie auseinanderhalten, beide in dieser grünen Flasche und in etwa gleich häufig von mir konsumiert. Doch um den Cop nicht weiter zu verwirren, verkniff ich mir die Korrektur. Nun sollte ich nur mit den Augen der Fingerspitze des Polizisten folgen, eine meiner leichtesten Übungen, die ich offenbar zur Zufriedenheit des Officers ausführte. Wieviel Bier das denn nochmal gewesen seien? Ich durchschaute seine knallharte Verhörtaktik, die nur darauf ausgelegt war, mich in Widersprüche zu verstricken, und blieb eisern bei meiner Version des Tathergangs: “Eins.” Er verschwand zu seinem Wagen, um meine Papiere zu überprüfen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte er zurück, drückte sie mir in die Hand und wünschte uns noch einen schönen Abend, nicht ohne die Ermahnung, vorsichtig zu sein, es sei ja schließlich Silvester.
Erleichtert startete ich den Wagen. Wir mussten in die Gegenrichtung, doch die Fahrbahnen waren durch zwei gelbe Linien getrennt. Darf man da wenden? Ich wartete einfach, bis der Cop außer Sichtweite war und führte eine lupenreine Dreipunktwendung durch, bei dessen zweitem Punkt mir auffiel, dass hinter dem bereits losgefahrenen Cop noch ein Fahrzeug der Highway Patrol gewartet hatte. Der darin sitzende Beamte mit einem deutlich weniger netten Gesicht beschränkte sich aber nur darauf, mich böse anzuschauen. Und nochmal Glück gehabt.
In allen Zeitungen waren wie jedes Jahr große Polizeieinsätze angekündigt worden, und ich konnte mich also selbst davon überzeugen, dass das keine leere Drohung war. Im Radio lief tagsüber alle 15 Minuten ein Werbespot mit einem James-Brown-mäßigen Song: “I’m your designated driver, baby!” Und heute war ich der designierte Fahrer, da ich keine Lust auf Alkohol und den unausweichlichen Kater hatte.
In der “Abbey-Taverne” warteten bereits die Freundesfreunde: Acht Frauen. Eine Deutsche, eine Schottin, zwei US-Philippinas und der Rest Amis. Wobei eine der Amerikanerinnen bereits so viel getrunken hatte, dass sie um halb elf von einer der Freundinnen nach Hause gebracht werden musste. Ich war noch etwas gezeichnet vom Jetlag, und außerdem hatte ich meine Lebensmittelallergie über die Feiertage und im Flugzeug nicht ganz so ernst genommen, was sich jetzt rächte: Ich sah ziemlich fertig aus. Trotzdem sprach mich jemand an: “My friend thinks you’re cute, do you wanna come over and dance with us?” Mit einer Mischung aus Nicken und Schulterzucken lehnte ich dankend ab. Das passierte mir jetzt schon zum dritten Mal während meines kurzen Aufenthaltes hier, und ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals in einer deutschen Kneipe jemand so angesprochen hatte. Überhaupt waren die Frauen ziemlich offensiv dort, das irritierte mich schon etwas. Deswegen, und auch aufgrund meiner Müdigkeit, war ich nicht traurig, als wie jeden Abend um zwei die Lichter angingen und der Türsteher das Ende der Nacht verkündete. Die Heimfahrt verlief ohne Zwischenfälle, obwohl die Polizeipräsenz und der Verkehr nach Sperrstunde wirklich beeindruckend war.
Heute dann begrüßte die Sonne ausgiebig das neue Jahr. So mild und sonnig, dass ich auf dem Balkon frühstücken konnte, mit Cappuccino und aus Deutschland mitgebrachtem Niederegger-Marzipan. Auf dem Sportplatz war es warm genug, um im T-Shirt zu laufen. Wettermäßig fing das Jahr auf jeden Fall gut an!
Es blieb auch noch genug Zeit heute, um beim nahegelegenen Elektronikmarkt die Neujahrsangebote mitzunehmen: Ein leises 600-Watt-Netzteil für meinen Rechner, das normalerweise $85 Dollar kostet, auf $55 runtergesetzt und mit $50 mail-in-rebate, so dass es im Endeffekt auf $5 hinausläuft. Nicht schlecht! Der 22-Zoll-Monitor von Samsung für $250 wanderte ebenfalls in meinen Einkaufswagen.
Ach ja, neue Gesetze traten in Kalifornien heute in kraft: Man darf nicht mehr beim Autofahren mit dem Handy telefonieren, allerdings wird das erst ab 1. Juli bestraft. Wenn sich Kinder im Auto befinden, darf man nicht mehr rauchen, allerdings ist das nur eine “kleine” Ordnungswidrigkeit, wegen der allein man nicht angehalten werden darf. Oh, und Arbeitgeber dürfen ab heute nicht mehr von ihren Angestellten verlangen, sich zu Identifikationszwecken Mikrochips unter die Haut implantieren zu lassen. Wurde auch höchste Zeit!

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